IMPULSE · November 4, 2026
Wie viel „So bin ich“ ist eigentlich Gewohnheit?
Von Boris Bregar
Bei uns daheim im Berchtesgadener Land gibt’s einen Spruch, der auf fast alle Lebenslagen passt: „Ja mei – i bin halt, wie i bin.“ Das ist echt praktisch. Du musst nie wieder an dir arbeiten. „Du könntest ein bisschen freundlicher zu den Kunden sein.“ – Ja mei … „Kannst du beim Reden wenigstens einmal vom Handy hochschauen?“ – Ja mei … Irgendwann klingt jede Rückmeldung wie ein Angriff auf die eigene Persönlichkeit. Dabei ging’s gerade nur darum, beim Grüßen den Kopf zu heben.
Wenn wir über unsere Wirkung sprechen, fällt ziemlich schnell ein zweiter Satz: „Ich will mich ja nicht verstellen.“ Verstehe ich. Ich möchte auch keinem Verkäufer begegnen, dessen Lächeln morgens zusammen mit dem Kassensystem hochgefahren wird. Nur: Ist jeder gewohnte Blick, jede Bewegung und jede Reaktion automatisch ein unverzichtbarer Teil unserer Persönlichkeit?
Wir Mitteleuropäer können Begeisterung ausdrücken, ohne den Körper unnötig zu belasten. „War der Urlaub schön?“ – „Ja.“ „Italien?“ – „Ja.“ „Essen?“ – „War gut.“ „Fährst wieder hin?“ – „Mal schauen.“ Bei manchen italienischen Familien weißt du dagegen zeitweise gar nicht: Unterhalten die sich noch oder weisen die schon ein Flugzeug ein? Und wir sagen: „Ja, die haben das halt im Blut. Ich bin da einfach anders.“
Bis sich an der Supermarktkasse jemand vordrängelt. „ENT-SCHUL-DI-GUNG! Sie! Hinten anstellen!“ Plötzlich können wir Arme, Hände, Gesicht und Stimme gleichzeitig einsetzen. Ohne Vorbereitung. Ohne Seminar. Der Körper verfügt offenbar doch über ein paar Funktionen, die im letzten Meeting noch nicht verfügbar waren.
Was wir uns angewöhnt haben, können wir auch wieder verändern.
Wir erleben uns selbst je nach Situation ziemlich unterschiedlich. Mit guten Freunden erzählen wir lebhaft. Vor dem Kunden werden die Hände still. Zu Hause haben wir zu allem eine Meinung. Im Meeting verschwindet die Stimme irgendwo hinter dem Wasserglas. Das sind alles wir. Und trotzdem greifen wir bei Rückmeldungen gern zu dieser einen Erklärung: „So bin ich eben.“
Vielleicht lohnt sich an der Stelle eine genauere Frage: Was mache ich da eigentlich immer wieder? Schaue ich beim Nachdenken weg? Antworte ich schon, bevor mein Gegenüber ausgesprochen hat? Bleiben meine Augen am Bildschirm, wenn jemand hereinkommt? Das lässt sich beobachten. Und damit lässt sich auch etwas ausprobieren.
Wer einen Menschen begrüßt und dabei vom Handy hochschaut, braucht dafür keine neue Persönlichkeit. Wer eine Antwort ausreden lässt, muss seinen Charakter nicht umbauen. Und wer vor einem Kundengespräch einmal bewusst durchatmet, verliert dadurch auch nicht seine Echtheit. Wir entscheiden jeden Tag, wie wir miteinander umgehen. Ein bisschen bewusster dürfen wir das ruhig tun.
Nimm dir für die nächste Woche eine einzige Gewohnheit vor. Zum Beispiel: Wenn jemand an deinen Schreibtisch kommt, löst du den Blick vom Bildschirm und wendest dich dem Menschen zu. Beobachte, wie das Gespräch beginnt. Du kannst auch jemanden fragen, dem du vertraust: „Was mache ich am Anfang eines Gesprächs, das mir selbst wahrscheinlich gar nicht auffällt?“ Die Antwort bitte erst einmal ausreden lassen. Auch wenn „Ja mei“ schon ganz vorne auf der Zunge liegt.
Du darfst bleiben, wer du bist. Und trotzdem etwas dazulernen, wie du bei anderen ankommst.
Der Beginn einer Unterhaltung ist der Hauptteil.
